Was ist Glas?

Wir beschränken uns hier auf künstliches Glas (es gibt auch natürliches, wie Obsidian oder Tektit) und lassen auch Flachglas außen vor.
Das am meisten verbreitete, also das "ganz normale" Glas wird auch als Kalk-Natron-Glas, Kalk-Natron-Silikat-Glas, Kalk-Soda-Glas, Sodaglas oder einfach Normalglas bezeichnet.

Bestandteile des Glasgemenges:

  • Quarzsand ca. 70% zur Netzwerkbildung*, wichtig ist die Reinheit, da es sonst zu Glasverfärbungen kommen kann (Eisenoxid z. B. macht Grünfärbung, der Anteil sollte unter 0,05% liegen)
  • Soda als Natriumoxidträger, der als Netzwerkwandler und Flussmittel dient und den Schmelzpunkt des Quarzsandes senkt

  • Pottasche liefert Kaliumoxid für die Schmelze, dient ebenfalls als Flussmittel und Netzwerkwandler

  • Feldspat bringt Tonerde in das Gemenge ein und führt zur Erhöhung der Beständigkeit gegenüber Wasser, Nahrungsmitteln und Umwelteinflüssen
  • Kalk dient als Netzwerkwandler, zersetzt sich während der Schmelze zu Kohlendioxid und Calciumoxid. Letzteres erhöht in mäßiger Zugabe die Härte und chemische Beständigkeit

  • Dolomit ist Träger für Calciumoxid und Magnesiumoxid (ähnliche Wirkungen)

  • Altglas kann hinzugefügt werden (Cave! Farbfehler, Fremdeinschlüsse, Schäden an der Schmelzwanne möglich)

( * Netzwerk: eine Vielzahl einzelner Makromoleküle vernetzen sich durch eine chemische Reaktion zu einem
3D-Netzwerk, in unserem Fall das Glas )

Schmelze:

Die Glasschmelze lässt sich in 3 Phasen unterteilen.

  1. Sie beginnt mit der Rauschmelze, die das Erschmelzen des Gemenges und seine Homogenisierung umfasst (bei ca. 1.400 °C)

  2. Im Anschluss erfolgt die Läuterung, in der die Gase ausgetrieben werden

  3. Zuletzt wird die geläuterte Schmelze auf die gewünschte Formgebungstemperatur abgekühlt (ca. 1.000 °C)

Üblicherweise erfolgen diese Prozesse in einem Wannenkomplex, der mindestens aus zwei Wannen besteht. In der ersten Wanne geschieht die Rauschmelze. In derselben Wanne gibt es dann eine Barriere, hinter der der Läuterungsprozess stattfindet. Bei diesem Prozess entweichen die Gase und somit die Bläschen aus der Masse. Danach geht es zur klar baulich getrennten Arbeitswanne. Hier herrschen niedrigere Temperaturen, da die für die Formgebung notwendig sind. Die Schmelze „steht ab“. Daher wird die Arbeitswanne auch Abstehwanne genannt. Hier findet die Homogenisierung statt. Durch den Verbleib auf einer etwas geringeren Temperaturstufe findet ein weiterer Ausgleich der chemischen Zusammensetzung statt und durch Diffusion verlieren sich eventuell noch vorhandene Schlieren. Von dieser Wanne fließt das Glas dann weiter zum Entnahmepunkt, wo dann die Formgebung stattfindet. Bei der Hohlglasproduktion sind das die Speiser oder Feeder. Hier werden Tropfen erzeugt, die dann über ein Rinnensystem in die darunter stehenden Glasmaschinen geleitet werden.

Formgebung:

Je nach Produkt erfolgt die Formung durch Pressen, Blasen, Schleudern. Vereinfacht gesagt, fällt beim Pressglas der Tropfen in eine mindestens 2-teilige Form und wird dann zwischen diesen Teilen in Form gepresst. Beim maschinellen Blasen wird der Tropfen in eine Hohlform gegeben, dann durch Rotation gegen die Wandung geschleudert und anschließend noch an die Wandung geblasen (dadurch erklärt sich z. B. auch der nicht einheitliche Eisboden bei Tumblern)
Das Mundblasprinzip wird hier nicht erwähnt, sondern in einem weiteren Artikel abgehandelt.

Kühlung:

Anschließend erfolgt eine langsame Abkühlung, je nach Verwendungszweck zwischen 30 – 100 Minuten. In dieser Phase geschieht gegebenenfalls auch die Härtung.

Das ist jetzt nur ein sehr vereinfachter Erklärungsansatz für das Verständnis der Produktion.
Es gibt natürlich noch andere Komponenten. Zum Beispiel können Gläser auch aus mehreren Teilen zusammengesetzt werden: Kelchgläser z. B. aus Coppa, Stiel und Bodenplatte (Achtung, es gibt da auch andere Möglichkeiten z. B. „gezogener Stiel“), Henkelgläser z. B. aus mehrteiligen Formen mit angesetztem Henkel usw., Zusatz von Metall (Bleikristall, Brillanz, Klang usw.)


Glasfarbe:

Je reiner die Glasmasse, desto klarer das Glas. Durchgefärbtes Glas entsteht durch Beigabe von Substanzen zum Glasgemenge. Vorteil: Haltbarkeit der Glasfarbe. Nachteil: Ökonomie, die Wanne muss komplett vom farbigen Glasgemenge „gereinigt“ werden. Da Eingang entsprechend Ausgang ist, wird sich die Farbe erst allmählich aus dem Glasgemisch entfernen und es wird farblich schwächer werdende Fehlfarbenproduktionen geben, bis wieder klares Glas am Ende herauskommt.    Besprühtes Glas wird nach dem eigentlichen Fertigungsprozess mit Farbe besprüht. Vorteil: kleine Produktions-Chargen, Nachteil: Haltbarkeit, Spülmaschinenfestigkeit.

Härtung:

ARC France nutzt das Verfahren „fully tempered“. Im Rahmen der o.a. kontrollierten langsamen Abkühlungsphase entsteht diese Härtung durch einen „Zwischenschritt“. Das Glas wird nochmals oberflächlich auf ca. 700°C erhitzt und dann mit Druckluft abrupt abgekühlt.  Bisher hat kein anderer Hersteller diese Art so perfektioniert, dass sogar Stielgläser komplett gehärtet werden können. Dadurch werden Glasartikel besonders kratz- und stoßfest und sind bei gleicher Materialstärke 2- bis 3mal stabiler als herkömmliches Glas. Ebenso haben sie ein großes Temperaturdelta von 130 °C.

Mundrand:

Es gibt geblasene Trinkgläser mit warm oder kalt abgesprengten (geschnittenen) Rändern. Während des Produktionsprozesses wird das überschüssige Material (die „Blaskappe“) abgetrennt, entweder früher (warm) oder später (kalt) mit Hilfe von Feuer, Laser oder einer Nadel. Warm geschnittene Ränder haben in der Regel einen mehr oder weniger ausgeprägten Wulstrand, da dieser verflämmt wird (Sicherheitsrand). Kalt geschnittene Gläser haben den feineren präziseren Rand.

Unterschiede Pressglas - geblasenes Glas:

Wichtige Erkennungsmerkmale für Pressglas sind vor allem mehr oder weniger gut sichtbare Nähte, die beim Aufeinandertreffen der Formteile entstehen und auch der üblicherweise sehr einheitliche, exakt ausgeführte Glasboden. Geblasene Gläser hingegen weisen in der Regel keine Nähte auf haben gerade bei dickeren Böden oft Unregelmäßigkeiten (schiefer Boden).

„Gutes Glas-schlechtes Glas“:


Eine solche Einordnung ist eigentlich nicht statthaft. Aber natürlich gibt es Unterschiede in der Fertigungsqualität. Merkmale, die man beachten kann, sind Brillanz, Reinheit, Lufteinschlüsse, Schlieren und Riefen, Verarbeitung des Mundrandes, Farbe („grünstichig“ usw.), Größentoleranzen, Verarbeitung der Nähte und Ansätze/Übergänge von Stiel, Kelch und Bodenplatte, Ausbalanciertheit.
Relativ objektiv sind Tests zur Bruchfestigkeit (Kugeltest, Pendeltest usw.). Aber Bruchfestigkeit heißt ja nicht, dass das Glas generell „gut“ für jeden ist.
Beispiel: Ein „fully tempered“ Princesa 23cl Weinkelch kann noch so stabil sein, ein Sommelier wird wahrscheinlich dennoch ein anderes Weinglas, was den Geschmack und das Aroma besser hervorhebt, bevorzugen. Hingegen wird in einer Kantine sicher die Stabilität Vorrang haben.

Besondere Glasarten:

  • Kristallglas – abgeleitet vom Wort „Bergkristall“, welches ja als besonders rein gilt, versucht man durch Zusatz von Metalloxiden besonders brillantes, funkelndes, reines Glas herzustellen. Das ist dann besonders effektiv bei facettierten, strukturierten Oberflächen. Die verschiedenen Hersteller bezeichnen ihr Kristallglas auch verschieden (Zwiesel=Tritan, ARC France=Kwarx bzw. Krysta)
    Vorteile: Optik, Klang. Nachteil: das Glas kann etwas spröder sein als „normales“ Glas. Das wird aber in der Regel durch andere Techniken ausgeglichen und die Hersteller werben hier auch mit besonderer Bruchfestigkeit. Zum Teil gesundheitlich bedenklich (Bleikristall), was aber durchaus diskussionswürdig ist.
  • Borosilikatglas – ist sehr chemikalien- und temperaturbeständig. Das erklärt sich durch den hohen Bor-Gehalt der Glasmasse. Die Unempfindlichkeit gegen plötzliche Temperaturschwankungen ist Folge des sehr geringen Wärmeausdehnungskoeffizienten. Wird neben dem Haupteinsatzgebiet im Labor auch für Heißgetränke genutzt (Kaffeekannen, Teekannen, „Jenaer Glas“)

Spezielle Effekte:

Gerade im Trinkglasbereich gibt es einige „Effekte“, die zum Teil durch den Hersteller auch geheim gehalten werden…
Manches lässt sich jedoch recht einfach erklären.

  • Effervescence/Moussierpunkt – das Einbringen von Unebenheiten (Aufrauhungen) auf der Innenseite des Glases oder im Boden (meistens). Dadurch kann sich das im Perlwein gelöste Kohlendioxid leichter zu einer Blase entwickeln und entweichen. Kohlendioxid ist im Perlwein, Sekt etc. unter Druck gelöst. Wenn die Flasche geöffnet wird, kann das Gas jedoch nicht immer ohne Weiteres entweichen. Daher ist im Glas eine „Störstelle“, ein sogenannter Kavitationskeim, nötig. Das ist dann der Moussierpunkt. Fehlt dieser, sieht man vor allem bei frisch gespülten, feuchten Gläsern, das kaum Perlen aufsteigen und das Getränk schal wirkt, obwohl es eigentlich gar nicht so ist. Ein prinzipieller Nachteil des Moussierpunktes ist allerdings, dass eben die Kohlensäure schneller entweicht und das Getränk dadurch logischerweise schneller schal wird.
    Head-Booster ist ein ähnlicher Effekt, der dann von ARC France für ein spezielles Bierglas angewandt wird. Hier ist im Boden des Glases eine Rautenstruktur erkennbar.

  • Profile Plus – wie das genau gefertigt wird, ist nicht bekannt. Aber es ist so, dass es sich quasi um 2-Schichtglas handelt, bei dem die innere Seite genau wie beim fully tempered Glas sehr widerstandsfähig und bruchfest ist und bei Bruch in kleinste Teile zerspringt. Die äußere Schicht ist auf irgendeine Weise etwas elastischer und zerbricht später als die innere, so dass bei einem Glasbruch die Scherben quasi nach innen fallen.
  • Drop Control – bei Karaffen… ist eine besondere Behandlung und Formung des Ausgießers, um Nachtropfen oder unsauberes Ausgießen zu vermeiden.

 

Zuletzt aktualisiert am 31.03.2021 von Thomas Scherf.

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